Chirurgie für die Heiligen von Morgen

Die Entwürfe sind modern und sollen zeitgenössisches Leben ausdrücken: Der Heilige sitzt in einer Nussschale, surft auf den Seiten eines Buches oder kommt mit einer Lupe angeflogen, um die verlegten Schlüssel aufzuspüren. „Junge Menschen stellen sich keine althergebrachten Heiligenfiguren mehr ins Zimmer“, ist der Schulleiter überzeugt. „Heute muss man frische Ideen bringen, einen neuen Zugang finden.“

Neben dem traditionellen Schnitzen steht in „O’gau“ auch das Arbeiten mit Bronze, Gips und Beton auf dem Stundenplan. So unterschiedlich die Materialien, so verschieden sind auch die Werke. Auf dem Boden von Stückls Büro tummeln sich seine Schüler in Form von Porträt-Büsten, im Regal reihen sich filigrane Ornamentkacheln an hölzerne Erdferkel und Pinguine. Darunter eine kleine Kompanie von Heiligen im Playmobilformat.

Voltaren als Grundausstattung

Der Größenunterschied versinnbildlicht den Stellenwert der traditionellen Herrgotts-Schnitzerei – zu Grabe tragen kann und will man sie nicht, aber der Fokus hat sich verlagert. Stückl jedenfalls macht sich für zeitgemäße Interpretationen des Handwerks stark. „Nur die kreativen Ideen der Schüler bringen den Beruf in die Zukunft“, sagt er.

In gestalterischen Entscheidungen sind die Schüler völlig frei. „Jede Verrücktheit, jede neue kreative Tür, die geöffnet wird, ist willkommen“, sagt Lehrer Josef Pleier. Nur die Holzsorten bleiben vorgegeben. Lindenholz ist für Anfänger gut geeignet, „weil es sich leicht bearbeiten lässt und wenige Äste hat“. Zirbelkiefer, Eiche oder Obsthölzer: „Die verschiedenen Arten haben ganz unterschiedliche Gesichter“, beschreibt Schülerin Anna Haust. Essenziell für die Skulpturarbeit ist es, die Formen im Holz zu erkennen, die Maserung zu lesen. Anna liebt Holz gerade deshalb, „weil es immer ein bisschen Widerstand leistet.“ Neben den Waschbecken stehen in den Arbeitsräumen große Tuben mit Voltarensalbe gegen Sehnenscheidenentzündung – die Holzschnitzerkrankheit.

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